Chance 1

“Alla, kummen gut hääm”

Die Ankündigung der Betreuungsbehörde “...da wurde viel versäumt...sehr speziell...und: Erschrecken Sie nicht!” schrecken mich nicht. Ich habe keine Vorurteile und keine Berührungsängste.

Der Beschluss zur rechtlichen Betreuung kommt einige Tage später und ich fahre in ein Dorf einer mir unbekannten Frau entgegen, von der ich nichts als das Alter, 78 Jahre, und die Adresse weiß.
Das Haus ist schnell gefunden. Es kann nur das kleine, über und über mit Efeu bewachsene Etwas inmitten einer ansonsten fassadenreinen, geranienbehängten Straßenzeile sein. Ein krummes und schiefes Hexenhäuschen. Das Dach hängt beängstigend tief Richtung Straße.

Keine Klingel, kein Namensschild. Ein Schlitz im Tor, durch den die Ankündigung meines Kommens gerutscht sein dürfte. Auf mein Klopfen am Tor erfolgt keine Reaktion. Auf einen Mauerabsatz geklettert recke ich den Arm nach oben in der guten Hoffnung, an eines der schießschartenhaften und versteckten Fenster zu gelangen. Es klappt. Es kreischt.

Knarzend öffnet sich die Luke und ein unwirscher, kleiner, fast zahnloser Mensch faucht in tiefem Pfälzisch:
“I will Se net, i kenn Se net, i brauch Se net! Die Frau X kommt bei mich. Bevor Se mich ins Heim bringä, häng i mi uff!” Womit sie ausdrückt, dass sie mich nicht kennenlernen möchte, weil ich vor hätte, sie in ein Heim einzuweisen, was sie aber nicht wolle und deshalb würde sie sich eher selbst töten. Ohne pfälzische Sprachkenntnisse ist man als Betreuerin in der Pfalz aufgeschmissen.

Ich weiß, dass die ehemalige ehrenamtliche Betreuerin vor fast sieben Monaten verstorben ist, und mein Gegenüber sollte es eigentlich auch wissen, denn in der “Übergangszeit” war der Sohn der Frau X so freundlich, ihr weiterhin wöchentlich Geld durchs Fenster vorzustrecken, bis die neue Betreuerin bestellt war.

Was im Kopf im Dunkel vor sich geht, ist nicht auszumachen. Ich trete ein Stück zurück, lasse mich begutachten. ICH finde mein Gegenüber klasse, das, was ich von ihr durch dieses kleine Efeu-Fensterchen erspähen kann.
Diese Frau weiß, was sie will, und vor allem, was sie nicht will!

“Ei Frau, Sie wollen nicht ins Heim. Wir sind uns schon einig. Ich will das auch nicht. Deshalb bin ich da.”
“Was wolle Se dann?”
“Schauen, dass die Stromrechnung bezahlt wird, damit Sie wieder Radio hören können. Prüfen, ob die Rente ausreicht, um Öl zu kaufen, damit Sie im Winter heizen können, solche Sachen. Und Geld für den Einkauf brauchen Sie auch.”
“I brauch koi Öl, i brauch Kohle, i hab en Kohleofää. Und Brot hab i sowieso.” (Sie braucht kein Öl, sie hat einen Kohleofen. Und Brot ist vorhanden).

Sie redet mit mir. Gut, das ist ein Anfang. Ausserdem ist sie ruhiger geworden.
“Kann ich jetzt reinkommen, oder kommen Sie raus? Es braucht nicht die ganze Straße mitzukriegen, dass Sie Besuch haben.”
“Pah, die wissen sowieso alles, sehen Sie, wie die Gardine dort drüben wackelt? Die Hexe dort weiß alles!” Kreischt’s und schlägt das Fenster zu.

Ich warte. Ein Scheppern hinterm Hoftor höre ich, dann ein Schlüsselrasseln und Fluchen, weil das Tor nicht aufgeht. Sie zieht, ich drücke. Wir stehen uns gegenüber. Ich bin ihr überlegen. Ca. 20 cm Zentimeter Mensch überlegen. Blitzwache Augen, ein wilder grauer Haarstrubbel, in “Leible und Unnerbux bis an die Knie (Leibchen und Unterhose). Das Leible spannt um Brust und Bauch und steht vor Dreck, die Unnerbux wirkt sauber, die nackten Füsse sind rabenschwarz und voller Schwielen. Irgendwann wird sie mir erzählen, dass sie nur zum Einkaufen und zur Kerb (Kirchweih) Straßenschuhe trägt. “Die sind nicht gesund, die engen ein.”

Als ich den Hof, die klaffenden Schuppen, die wacklige Wohnungstür sehe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich in das Haus will. Aber sich weiter im Freien zu unterhalten birgt die Gefahr, dass sie sich die Füsse oder sonstwas abfriert.
“Pah, i bin net aus Zucker” sagt sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. “War fünfzig Jahre bei keinem Arzt. Kein Schnupfen. Nix.”

Ich habe Glück, dass ich eine Frau bin, denn eine Frau darf in das Haus eintreten. Seit dem Tod ihres Vaters haben Männer hier keinen Zutritt. Bis auf den Kohlenhändler. Nur er darf zwei Säcke Kohle direkt in die Küche tragen.
Wir sind drin. Wie ich damals in dieses Häuschen gepasst habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, dass mich gigantische Stapel Papier, Berge von Wäsche, Weckgläser, Dosen, BierWeinSektflaschen und Briketts fast erschlagen hätten.  Sich in die Küche durchzuschlängeln war eine Mutprobe für mich Ortsunkundige.
Die Küche ist ein düsterer Raum mit fast schwarzen Wänden, dort, wo man Wände erahnen möchte. Denn auch hier: Von unten die Stapeltürme, dieses mal in Brennholz. Von oben speckige Spinnweben. Von vorne qualmt uns eine Mischung aus verkochten Kartoffeln und altem Huhn und Brikettrauch entgegen.

Auf dem Hockerchen nehme ich Platz. Ob ich wohl ein wenig das Fenster öffnen dürfte? Haja, nur zu, sie ist nicht aus Zucker.
Trinken möchte ich nichts, danke nein, ich hatte gerade. Auf dem Küchentisch eine freie Stelle für ihre Tasse und Teller, ansonsten ist er abgedeckt mit Zeitungspapier und darauf ein Vogelkäfig. „Peter“, ihre Stimme wird weich. „Gell Peter, wenn du mal nicht mehr bist, will ich auch nicht mehr“. Peter ist der Kanarienvogel der Frau. Ich begrüsse den Vogel.

Ob sie Geld hat? „ Mmmh, jaaa“. Sie überlegt, runzelt die Stirn, ihr Blick wandert über den Holzstapel, greift dann zielgenau in einen Spalt. Sie holt eine vergilbte Zeitung hervor, faltet sie auseinander und zeigt mir einen 20 €-Schein und einige Münzen.
Das wird im Laufe der Zeit ein Ritual werden. Ein Spiel zwischen uns, das ihr grosse Freude macht. Sie wartet auf diese Frage, schmunzelt mich an, dann der Blick zum Holz, der Griff und das Strahlen in ihrem Gesicht, dass sie Bescheid weiss um ihre Finanzen. Oft wird sie sagen, sie brauche „kein Bares“, nimmt das Wochengeld aber an sich und wickelt es ein. Mal stellen Nachbarn eine Dose Wurst, oftmals Kartoffeln, mal eine Flasche Bier vor ihre Tür. Wein mag sie nicht.
Solch nachbarschaftliche Fürsorge erlebe ich sehr selten in meinem Beruf.

Wir besprechen, was ich für sie tun könne. Sie möchte nur Kohlen für den Winter.
Sie weiß nichts über ihre Krankenversicherung. Ein Ausweis ist nicht vorhanden ( „Mich kennt jeder “).
Sie ist hochverschuldet, die Verwaltung hat sich längst als Schuldner ins Grundbuch eintragen lassen. Für eventuellen weiteren Grundbesitz interessiert sie sich nicht. Jaaa, früher hätte die Familie mal „Wingertchee un Äckerle“ besessen. Und ich frage mich: Was zum Kuckuck ist denn ein/der/die Weinbergshut??? Wo sind die Parzellen verstreut, die ihr  geblieben sind?
Zwei Äckerchen sind verpachtet. Ist die Pachthöhe korrekt oder wird die Frau  übervorteilt....doch darüber spreche ich nicht.

Ich frage, ob sie etwas dagegen habe, vielleicht mal einen Großputz machen zu lassen. Vielleicht noch einzweidrei Container Altlasten abtransportieren lassen, damit man die schönen Wände wieder sehen könne? Sie wird darüber nachdenken, sagt sie. Erst Monate später ist es soweit, dass sie sich eine Reinigung „vorstellen“ kann. Der Antrag ist eingereicht und mir als Betreuerin wird eine „maßlose Übertreibung des Bedarfes“ unterstellt. Also lade ich die Mitarbeiterinnen des Sozialamtes ein. Die Damen treffen ein, machen kullerrunde große Augen. Sie krempeln unsisono die Hosen hoch... Dieser Antrag wird bewilligt, Matratze, Bettzeug, Haushaltshilfe, alles geht durch.

Das Fernsehgerät kann repariert werden und nun thront „Madame Mim“ zwischen 17.00 und 19.45 h in ihrem „Wohnzimmer“. Zum Rätselsendungen gucken, „alles andre ist Schrott, die lügen doch. Das regt mich auf.“
Danach geht sie in ihr Schlafkämmerchen unterm Dach. Die neue Matratze wird auf die alte Matratze gelegt, die Kuhle bleibt. Der Rücken schmerzt weniger. Die neue Bettwäsche wird über die alte gezogen. „ Des wärmt“. Sie liegt nun noch etwas näher am Sternenhimmel, den sie durchs Gebälk schimmern sah.

Als die „Grundreinigung“ durchgeführt wird, werden wesentlich mehr Stunden gebraucht, weil sie um jedes kleine Ding ein Trara macht und es noch hätte brauchen wollen. An diesem Tag gehen in meinem Büro einige Anrufe der Dienstleister ein, die sich beschweren, so könnten sie nicht arbeiten, das sei ja fürchterlich und die Frau völlig chaotisch. „Vorne räumen wir den Dreck weg und hinten sortiert sie ihn wieder aus.“ Ich bitte um Geduld, armes Kriegskind und zugegebenermaßen ein wenig sonderlich. Irgendwie würden wir die Dienstleistung schon bezahlen....
Und tatsächlich kommt hernach ein wenig „Licht ins Dunkel“. Am meisten hat sie sich wohl selbst gefreut, denn alte Erinnerungsstücke finden nun Ehrenplätze im Wohnzimmer .

Nach und nach bekam ich zu einigen Nachbarn Kontakt, übergab meine Karte für den Notfall. Der Notfall trat nach einem Treppensturz in Schlappen ein. In allem Schmerz genoss sie es, „wie die  Prinzessin auf der Erbse“ von zwei jungen starken Pflegern zum Krankenwagen getragen zu werden. Und rechts und links schauend, ob die Nachbarn dieses Spektakel auch sehen würden.
Sie hatte wahrlich Spaß daran. Der Krankenwagen nahm „Madame Mim“ auf, die so selten in ihrem Leben Auto gefahren war.
Sie winkte zum Abschied. „Ja, ich komme morgen nach, um sie zu besuchen!“

Im Krankenhaus wurde ich tags darauf von einem Arzt beschimpft, wieso ich die alte Frau in solch verwahrlostem Zustand  verkommen liesse. Aber da war die alte Frau schon wieder fit, nahm MICH in Schutz und konterte : „Weil ICH es so will! Ich hab dreckige Füße, aber ich wasche mich jeden Tag obenrum und untenrum, das sehen sie aber nicht, weil ich ja nur gestürzt bin und nicht am Bauch operiert werde!“ Dabei zwinkert sie mir komplizenhaft zu. Und er ist still.

Danach brauchte sie mehr Unterstützung. Die Haushaltshilfe wurde mit mehr Stunden verpflichtet und besorgte nun auch den Einkauf. Sie wartete auf diese Besuche und Gespräche. Das Bein wurde vom Pflegedienst versorgt. Die steile Stiege zu ihrem Schlafgemach im Speicher zu erklimmen, wurde ihr nun strikt untersagt. Zumindest im Winter würde sie unten bleiben. (Ohne Isolierung direkt unter löchrigen Dachziegeln, war dies doppelt erforderlich)

Die Tage wurden kürzer. Sie bekam Atemnot, Wasser in den Beinen, musste wieder ins Krankenhaus. Als ob sie sich nicht traue, ihre Sorge auszusprechen, flüsterte sie mir zu, dass sie „eigentlich gar nicht mehr im Häusle leben will“. Sie habe Angst alleine in der Nacht. Dass, falls wieder etwas passiere, niemand kommen könne um zu helfen. Ihr Abschied vom Heimatdorf begann.

Ich fragte, ob es sie beruhigen würde, wenn sie nach dem Klinikaufenthalt vielleicht zuerst noch in eine Kurzzeitpflege ginge? Sie strahlte. „Ja, das könnten wir doch mal versuchen, oder?“ Und ich hatte den Eindruck, sie war erleichtert.
Unsere Wahl fiel auf ein Altersheim nicht weit vom Wohnort entfernt. So konnte sie von ihrer Freundin und den Nachbarn besucht werden. Schon während der Kurzzeitpflege blühte sie auf. Sie war kaum wieder zu erkennen. Sie war sogar beim Friseur gewesen:
„Wie ein neuer Mensch seh ich aus, gell? Aber die Falten haben sie drangelassen“.

Sie entschloss sich zu bleiben. Gutes Essen, immer Heizung, sogar die Wäsche wird einem  gewaschen, so stelle sie sich ein Luxus-Hotel vor, sagte sie. Und endlich, endlich durfte Peter, der Kanarienvogel, mein Büro verlassen. Wochenlang war hier absolutes Katzenverbot und „Tür zu“. Auch Peter zog also im Seniorenheim ein. Als Starthilfe bekam er einen neuen großen Käfig und zwei frische Salatblätter.

Sie gab sehr genaue Anweisungen, welche Erinnerungsstücke nun gebracht werden sollten. Fast zwei Jahre hat sie im Nachbarort gewohnt. Sie wurde besucht. Sie wurde von ihrer Freundinfamilie zu Festen abgeholt und zum Essen „ins Wirtschäftle“ ausgeführt. Sie war Ehrengast auf der Kerb und ist mit dem Bürgermeister in dessen
Kerwe-Kutsche durchs Dorf gefahren und war glücklich. Sie erzählte, dass die Menschen am Straßenrand jubelten, als sie sie gesehen haben. Immer wurden Fotos gemacht, und dies wurden ihre neuen Schätze. Sie hatte viel Freude am Leben.

Als sie starb, wurde ihr letzter Wunsch erfüllt. Sie kehrte in ihr Heimatdorf zurück.
Es war eine große Beerdigung, denn das halbe Dorf  hat „ soi echt pälzer Maad“ verabschiedet. Auch dies hätte ihr gefallen.

Ich werde sie nicht vergessen, weil sie stark und eigensinnig war, weil sie voller Lebendigkeit und Freundlichkeit war. Sie hat viel „aus der alten Zeit“, aus ihrem nicht leichten Leben erzählt hat. Und  jedes Mal die Begrüßung:„Was mache die Kinner?“, und zum Abschied „ Gell, griis aa dein Moo“ ( Wie geht es deinen Kindern? Grüße bitte deinen Mann von mir) und aus dem Fenster rief sie nach:
                                         „ Alla, kummen gut hääm....“ ( Komm gut nach Hause)

 

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