Chance 2

Nennen wir sie „Anne“  

Annes Sicht

2003 ist Anne19 Jahre alt. Sie hat ihre Ausbildung „geschmissen“.Sie wurde zu Hause rausgeworfen.
Die Mutter sorgt sich um Anne, fühlt sich aber hilflos. Sie ist verzweifelt und beantragt für die Tochter eine rechtliche Betreuerin.

Anne hat zwei Suizidversuche überlebt und befindet sich zum wiederholten Mal auf der Akutstation  einer psychiatrischen Klinik.
Sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und  Polytoxikomanie. Das heisst: Sie wurde verletzt und verletzt sich selbst. Sie konsumiert seit Jahren exzessiv Amphetamine, Cannabis und Alkohol. Sie hat Panikattacken.

Als ich sie kennenlerne, ist sie von den Haaren bis zu den Socken schwarz. Die Kleidung und Augen, Lippen, Fingernägel alles schwarz, düstere Tattoos und Piercings. Das einzig Helle an ihr sind ihre Augen. Sie ist unruhig, raucht eine Zigarette nach der anderen. Ich warte ab, lasse ihr Zeit. Sie lässt sich Zeit. Auf verzweifelte Weise wirkt sie wehrhaft, wie ein verschrecktes, wundes Tier.

Dann fängt sie an zu sprechen. Vater gestorben, als sie fünf war. Zwei Geschwister. Mutter ging mehrere Beziehungen ein. Von einer „Beziehung“ wurde sie belästigt und gedemütigt. Mit 13 Jahren erste Kontakte zur „Szene“. Vom Gymnasium verwiesen, Realschule gerade so geschafft. Die Mutter fand eine Ausbildungsstelle für sie, aber dort zu viel telefoniert und gesurft. Abgemahnt, verschlafen, immer öfter grippale Infekte gekriegt. Die Wochenenden waren gut. Aber Angstzustände ab Sonntagnachmittag. Panikattacken. Mehr Drogen zur Konzentration und zum „Aufpeppen“.  Die Panikattacken nehmen zu, Zusammenbruch, Perspektivlosigkeit, Selbstmordgedanken…

Wenn es ihr gut geht, nimmt sie keine Medikamente. Bei diversen Telefonanbietern ist sie hoch verschuldet. Geld rinnt ihr durch die Finger. Sie sagt von sich selbst, dass sie „völlig chaotisch und durchgeknallt“ sei. Und auf solch ein  „Scheißleben hat sie einfach keinen Bock mehr...“

Erst viel später denken wir an einen Betreuungsplan. Welche Wünsche hat sie? „Keine“. Wie stellt sie sich ihre Zukunft vor? „Gar nicht. Und wenn ich doch muss, dann Schwarz“. Was können wir tun, damit sie an eine Zukunft denken kann? „Vielleicht 'ne Wohnung, neee, alleine nicht, 'ne WG. Jaa, 'ne WG wär` okay.“ Meine Arbeit kann beginnen. Vorrang hat: Wohnungsbeschaffung, Erstausstattung, Sicherung der Lebenshaltungskosten. Krankenkasse? Und: Sie wird nicht ohne soziotherapeutische Hilfen wohnen können. Ich beantrage „Hilfe nach Mass“ (vergleichbar „Persönliches Budget“).

Ich hoffe, nach der Entlassung aus der Klinik - geplant ist als Stabilisierung noch ein längerer Aufenthalt auf einer der offenen Stationen - eine Unterkunft gefunden zu haben. Aber sie lässt mir diese Zeit nicht. Es gibt keinen längeren Aufenthalt, weil sie sich an keine Regeln halten kann. Sie steht morgens nicht auf, verweigert die Therapie, sie kommt nicht vom Ausgang zurück Sie verletzt sich vor anderen Patienten. Ihr Zimmer sieht aus wie nach einer Explosion. Sie beschimpft ihren Arzt.  Harte Fronten zwischen Arzt und Patientin bauen sich auf. Der Arzt pocht auf seine Autorität, gibt mir gegenüber zu, dass er mit „wahnsinnigen Borderlinern“ nicht zurecht käme und dies hier sowieso der falsche Platz für sie sei. ( ???? Unverständnis meinerseits. Er möge uns dann bitte eine geeignete Therapieeinrichtung empfehlen. Er weiß aber keine.) Abmahnung. Ein letzter Versuch... parallel suche ich bereits eine andere Therapieeinrichtungen. Die, die geeignet scheinen, haben lange Wartelisten...

Bis sie mit ihren Plastiktüten vor die Tür gesetzt wird, dauert es keine fünf Tage. Es gibt noch keine Wohnung, keine WG im Umkreis. Die Behörde zeigt sich verständig. Vorübergehend wird sie ein Zimmer in einem einfachen Hotel beziehen, um nicht ins Obdachlosenheim eingewiesen zu werden.

Es werden sehr aufregende und oftmals sehr belastende Jahre mit Anne. Aber ich bin da. Ich entschulde sie durch Vergleiche, regle die Ein-und Ausgaben. Zeitweise versackt sie völlig und ist nicht auffindbar. Als Anker hat sie meine Telefonnummer. Ich bin da.  Und die Soziotherapeuten. Dieses Geschenk. Menschen zu haben, die verlässlich sind, die auch den drittviertfünften Umzug dieser ruhelosen, unglücklichen, nun 22-jährigen Frau mit organisieren.

Oftmals hatten wir das Gefühl, wir alle seien Hamster in einem Rad. 18 Klinikaufenthalte in fünf verschiedenen Kliniken. Keine Therapie, kein Angebot an einer Tagesstruktur schien längerfristig zu greifen.

Sie sagte, sie denke, dass sie auch ADHS habe. Während des letzten Klinikaufenthaltes wurde ein neues Medikament angesetzt. Sie fühlte sich damit „deutlich besser sortiert“. Der nachsorgende Arzt der psychiatrischen Ambulanz hielt ADHS für „wenig wahrscheinlich“. Sie blieb stur, wollte Tests machen. Und sie behielt recht.

Mit dem Medikament konnte sie angepasster leben. Sie konnte sich länger konzentrieren. Sie begann Interesse für sich zu empfinden und nahm nun auch ambulante Therapieangebote im Frauenzentrum wahr. Diese Termine, wie auch die Selbsthilfegruppen, waren ihr eine sehr große Hilfe. Ihre sehr sprunghaften, sehr emotionalen und leidvollen Beziehungserfahrungen wurden weniger.
Die berufliche erst stunden-, dann halbtageweise Eingliederungsmaßnahme zeigte endlich Erfolg. Insgesamt fand eine Stabilisierung statt.

Anne: „Wenn ich nicht schon so alt wäre, würde ich gerne eine Ausbildung machen“. Ich: „ Für eine Ausbildung ist man nie zu alt“. Anne: „Paah, Sie haben gut reden. Das kriegen wir doch nie durch .... “

Wir Beide waren unglaublich hartnäckig. Sie hat so zäh um sich und ihre Rechte gerungen.

Anne hat die Ausbildung zur Mediengestalterin abgeschlossen und einen Arbeitsplatz gefunden. 2013 hat sie geheiratet.

Seit 6 Jahren ist sie clean.

Ihre Haarfarbe ist gerade rot.....

Was ich mit „Annes Geschichte“ ausdrücken möchte, ist: Ohne rechtliche Betreuung hätte diese junge Frau es nicht geschafft, heute da zu sein, wo sie ist! Sie hätte keine Sozialleistungen, kein Persönliches Budget und keine weitere Therapie beantragt.  Sie hätte keine Wohnung, keinen Ausbildungsplatz, keine Ausbildungsbeihilfe und und und....
Keine Perspektive!

 

Uns Berufsbetreuern ist sehr wohl bewusst, dass wir keine Leben retten können. Manche Menschen lassen sich nicht aufhalten. Diese Entscheidungen müssen wir hinnehmen und akzeptieren.

 

Im Gedenken an BeN, LeD und StG

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